Helvetia war zu Besuch und predigt
01.08.2021

 

(uz) Eine prominentere Predigerin sah die Döttinger Kirche noch nie. Helvetia höchstpersönlich war es, die sich an die Katholiken im Unteren Aaretal wandte.

 

Eigentlich gibt es Helvetia ja gar nicht; man hat sie vor etwa 300 Jahren erfunden und zur Repräsentationsfigur für die Schweiz gemacht. Die eigentlich Nichtexistente war aber gestern, am Sonntagmorgen, leibhaftig zu erleben, und zwar so, wie man sie vom Ein- und vom Zweifrankenstück her kennt: Sie trug Speer und Schild und einen Umhang. Helvetia trat im regionalen Gottesdienst der Pfarreien Döttingen, Klingnau und Koblenz auf

 

Die Frauen und die Kirche

In der Rolle der Helvetia steckte Irene Bürli, die Präsidentin des Frauenbundes Döttingen. Sie wurde von vier Vorstandskolleginnen begleitet, und zusammen mit Seelsorger Daniel Kyburz gestalteten die Frauen den Sonntagsgottesdienst. Mithilfe eines Predigtgespräches thematisierten sie die Situation der Frauen in der römisch-katholischen Kirche.

 

Dass Helvetia am Bundesfeiertag predigt, ist keine ureigene Idee des Döttinger Frauenbundes. Hinter «Helvetia predigt» stehen die Frauenorganisationen der drei Landeskirchen. Da sich dieses Jahr die Einführung des Frauenstimmrechts zum 50-mal jährt, sollte der Bundesfeiertag zum Anlass genommen werden, um Frauen in der Rolle der Helvetia auftreten und über die Situation der Frauen sprechen zu lassen. Wie oben erwähnt, war das Thema der Döttinger Helvetia, die Situation der Frauen in der römisch-katholischen Kirche.

 

Ungleichbehandlung lässt sich nicht rechtfertigen

Was die Weiheämter betrifft, gibt es in der katholischen Kirche keine Gleichberechtigung. Man weiss es zur Genüge. Man weiss auch, dass Maria aus Magdala jahrhundertelang nur als die Sünderin bezeichnet wurde, und erst vor wenigen Jahren den ihr zustehenden Titel Apostelin der Apostel erhielt. Man weiss, dass in mittelalterlichen Abschriften der Bibel aus der frühen Christin Junia ein Junias wurde, und man weiss, dass die erste Christin auf europäischem Boden die Purpurhändlerin Lydia war. Aufgrund dieser und anderer Erkenntnisse neuster Bibelforschung gäbe es keinen Grund, Männer und Frauen nicht die gleichen Rechte zuzugestehen. Dass die römische Kurie erst kürzlich wieder bekräftigte, dass es Frauen und überhaupt allen Nichtgeweihten verboten ist, in Eucharistiefeiern zu predigen, ist anachronistisch und berührt nur noch peinlich. Helvetia und ihre Assistentinnen hatten also durchaus recht, diesen und andere Misstände beim Namen zu nehmen, trotzdem aber rannten die Frauen eigentlich offene Türen ein.

 

Die Wirklichkeit ist anders

Frauen als Gemeindeleiterinnen und regelmässige Predigerinnen sind fast in der ganzen Schweiz schon längst eine Selbstverständlichkeit. Im Zurzibiet sowieso: Theologin Martha Brun trat die Stelle als Gemeindeleiterin der Pfarrei Kleindöttingen 1994 an. Andere taten es ihr gleich: Maria Raab als Nachfolgerin von Martha Brun, Dorothe Hafner in Lengnau, Julia Scheschnik in Klingnau, Annette Weimann in Koblenz, Ursula Schmidt Mezger in Schneisingen, Irene Graf Minich in Unterendingen und Hanni Vonlanthen in Baldingen. Aktuell arbeiten Christina Burger als Gemeindeleiterin und Seelsorgerin in Kleindöttingen und Sabine Tscherner als ebensolche in Koblenz. Mag die Ungleichbehandlung von Mann und Frau auch römisch angeordnet sein, an der Basis wird anderes praktiziert.

 

Nur eine einzige Frau

Im Döttinger Sonntagsgottesdienst beschränkte sich Helvetia darauf, von der Situation der Frauen in der Kirche zu sprechen. Von der mangelnden Gleichstellung in Wirtschaft, Staat und Politik schwieg sie. Von der Tatsache zum Beispiel, dass der durchschnittliche Monatslohn einer Frau immer noch rund 15 Prozent tiefer liegt als der eines Mannes, oder davon, dass Frauen in der Politik nach wie vor ungenügend vertreten sind. Im Ständerat zum Beispiel sind nur 26 Prozent aller Sitze von Frauen besetzt und im Aargauer Regierungsrat ist peinlicherweise keine einzige Frau vertreten. Von all dem sagte Helvetia nichts Wahrscheinlich hätte sie solche Themen angesprochen, wenn sie als Rednerin zu einer der Zurzibieter Bundesfeiern eingeladen worden wäre. Wurde sie aber nicht. Leider. Tatsächlich war heuer, im Jubiläumsjahr «50 Jahre Frauenstimmrecht», nur gerade in Wislikofen eine Frau als Festrednerin vorgesehen. Überall sonst hatten Männer das Wort.

 

1. August-Weggen

Helvetias Auftritt in Döttingen wurde musikalisch umrahmt von Sina Neumann, Gesang, und Jonas Herzog, Keybord und Orgel. Am Ende der Feier sorgten die Frauenbundsfrauen für einen sympathischen Abschluss ihres Gottesdienstes. Die Besucherinnen und Besucher sollten nämlich nicht mit leeren Händen nach Hause gehen, sondern erhielten alle einen 1.August-Weggen.

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